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Inhalationstherapie

Inhalationstherapie bei Atemwegserkrankungen | © Juliane Teubel
© Juliane Teubel

Inhalationstherapie bei Atemwegserkrankungen

Die Geschichte der Inhalationstherapie reicht bis in die Antike zurück. Bereits die Griechen kannten die heilsame Wirkung eines Aufenthaltes in salzhaltiger Luft am Meer, zur Linderung von Atemwegserkrankungen. Abgeleitet vom lateinischen „inhalāre = anhauchen“ beschreibt der Begriff Inhalation im medizinischen Kontext das Einatmen heilsamer Substanzen.

Im Humanbereich begann die moderne Inhalationstherapie in den 50er Jahren mit der Entwicklung des ersten treibgasgetriebenen Inhalationssystems. Es folgte eine Vielzahl verschiedener Inhalationssysteme, welche der ständigen Weiterentwicklung unterliegen. Die Auswahl des geeigneten Inhalationssystems stellt somit nicht nur im Humanbereich, sondern auch für den Tierarzt und Pferdebesitzer eine große Herausforderung dar.

Heute zählt die Inhalation sowohl beim Mensch, als auch beim Pferd zur bedeutendsten Therapieformen zur Behandlung von Atemwegserkrankungen.

Bei einem Blick in die Statistik wird auch schnell deutlich, warum: Jedes vierte Pferd in Deutschland leidet jährlich an Atemwegserkrankungen, davon ca. 10% der Pferde an einer chronischen Form.

Hauptursache für akute Atemwegserkrankungen sind fast immer virale Infekte, ausgelöst durch z.B. Influenzaviren (“Grippe“). Oftmals werden virale Infekte auch von einer zusätzlichen bakteriellen Sekundärinfektion begleitet.

Chronische Atemwegserkrankungen entstehen vor allem aus zwei Gründen: nicht konsequente Behandlung akuter Infekte, durch welche die Entstehung von Allergien oder unspezifischer Überempfindlichkeiten begünstigt wird, oder dauerhaft schlechten Haltungsbedingungen. Eine chronische Atemwegserkrankung endet in einem Teufelskreis: entzündetes Gewebe fördert die Bildung von Schleim und Botenstoffe im Schleim fördern die Entzündung im Gewebe. Diesen gilt es zu durchbrechen.

Ein rechtzeitiges Erkennen und umgehende Behandlung kann je nach bestehendem Schweregrad der Erkrankung zu Symptomfreiheit oder auch Heilung führen.

Dafür besonders wichtig ist die Abklärung der Ursache durch den Tierarzt beim ersten Auftreten einer Atemwegserkrankung bzw. bei „Husten“. Neben den genannten Atemwegserkrankungen können auch z.B. pulmonale Hypertonie, Lungenwurmbefall, oder Pilzinfektionen hinter den Beschwerden des Pferdes stecken. Erst nach eindeutiger Diagnosestellung durch den Tierarzt kann entschieden werden, ob eine Inhalationstherapie auch die geeignete Behandlung für das Pferd ist.

Was passiert bei der Inhalation im Pferd?

Die Lunge des Pferdes ist ein Hochleistungsorgan. Wussten Sie eigentlich, dass ein Pferd mit jedem Atemzug in Ruhe ca. 5 Liter Luft bewegt – wir Menschen im Vergleich dazu nur 0,5 Liter? Das bedeutet bei einer Ruheatmung von 8-16 Atemzügen pro Minute 60 Liter. Und dieser Wert kann sich unter Belastung sogar auf das 15-20fache steigern!

Die Inhalationstherapie nutzt den natürlichen Atemvorgang, um das Inhalat bzw. Aerosol in Form flüssiger Tröpfchen oder fester Partikel gemeinsam mit der Atemluft in die Atemwege zu transportieren.

Der Weg der Atemluft beginnt in den Nüstern. Von dort aus fließt die Luft über den Kehlkopf in die Luftröhre (Trachea), welche sich am Brusteingang in die zwei Hauptbronchienäste aufteilt. Die Bronchien verästeln sich zu immer kleiner werdenden Röhren, den Bronchiolen. An deren Ende sitzen die kleinsten nur ca. 0,3 mm großen Lungenbläschen (Alveolen). Dort findet der Gasaustausch statt: eingeatmeter Sauerstoff wird in den Blutkreislauf aufgenommen und Kohlendioxid aus dem Blutkreislauf zum Ausatmen abgegeben.

Die Größe eingeatmeter Teilchen ist entscheidend dafür, wie weit sie mit dem Luftstrom transportiert werden können. Mit der Größe der Teilchen wird somit auch der Wirkort festgelegt. Die Deposition, also die „Ablagerung“ bzw. der Verbleib der Teilchen in der Lunge und damit die entsprechende Wirkung, ist abhängig von folgenden Faktoren:

  • der Teilchengröße
  • dem Atemfluss, d.h. der richtigen Anwendung des Inhalationssystems
  • und der Beschaffenheit der Atemwege

Man geht davon aus, dass nur Teilchen mit einer Größe von 1-5 µm die tieferen Atemwege erreichen. Teilchen mit einer Größe > 5 µm setzen sich in den oberen Atemwegen ab und werden verschluckt, Teilchen mit einer Größe < 0,5 µm setzten sich nicht in den unteren Atemwegen ab und werden wieder ausgeatmet.

Hausmittel

Gerne werden altbekannte „Hausmittel“ empfohlen und angewendet. Dazu zählen sowohl Ätherische Öle, als auch Pflanzenextrakte. Diese werden in Form von getränkten Tüchern oder Dampfbädern eingesetzt. Bei einer Dampfinhalation wird der entstehende Wasserdampf von erhitztem Wasser aus einem Umhängeeimer- oder Beutel eingeatmet. Durch sehr große Tröpfchengröße von ca. 15 µm, können damit nur die oberen Atemwege erreicht werden. Zusätzlich birgt das heiße Wasser Verbrennungsgefahr für das Pferd.

Von der Inhalation dieser Hausmittel ist dringend abzuraten, da sie unter Umständen einen Bronchialkrampf auslösen können.

Der Begriff „Inhalationstherapie“ bezieht sich im Folgenden auf Inhalationen, welche die tieferen Atemwege erreichen können.

Zweck der Inhalationstherapie

Zwei Verfahren gilt es grundsätzlich zu unterscheiden: 1. Inhalation zur Befeuchtung der Atemwegsschleimhaut, und 2. Inhalation zur Verabreichung von Arzneimitteln.

Inhalation zur Befeuchtung

Zur Befeuchtung der Atemwege eignet sich insbesondere physiologische, d.h. 0,9%ige Kochsalzlösung, die der körpereigenen Salzkonzentration entspricht. Die Inhalation unterstützt die körpereigene Reinigungsfunktion der Lunge, die einen wichtigen Teil der Immunabwehr darstellt. Durch das Befeuchten werden eine Verdünnung des Bronchialsekretes und die Lösung von Schleim gefördert.

Inhalation von Arzneistoffen

Bei der Inhalation von Arzneimitteln gelangen die Arzneimittel direkt an ihren Zielort, die Lunge. Dadurch kann die erwünschte Wirkung rasch eintreten. Weiterhin kann die Dosis im Vergleich zur systemischen Gabe (d.h. über den Blutkreislauf aufgenommen, wie z.B. Tabletten) deutlich reduziert und somit die Nebenwirkungen und Belastung des Organismus reduziert werden.

Als inhalierbare Arzneimittel kommen eine Vielzahl von Substanzen in Betracht. Hierzu zählen z.B.:

  • „Bronchienerweiterer“: Salbutamol, Salmeterol, Ipratropiumbromid
  • „Schleimlöser“: Acetylcystein
  • „Entzündungshemmer“: Beclomethason, Fluticason, Budesonid

Alle genannten Arzneimittel unterliegen der Verschreibungspflicht und dürfen nur vom Tierarzt verordnet werden. Sie sind nicht für das Pferd zugelassen, sondern entstammen der Humanmedizin. In Absprache mit dem Tierarzt erfolgt daher eine sorgfältige Auswahl und Nutzen-Risiko-Abwägung unter Berücksichtigung des individuellen Pferdes und seiner ggf. zusätzlich vorhandenen Begleiterkrankungen, sowie eine Anpassung der Dosierung. „Bronchienerweiterer“ lindern nur das Symptom der Bronchienverengung, nicht aber die Ursache, die Entzündung. Daher werden Sie oftmals gemeinsam mit den „Entzündungshemmern“ eingesetzt.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass neben den inhalativ verabreich baren Substanzen für die Behandlung von Atemwegserkrankungen vor allem die folgenden Arzneistoffe systemisch eingesetzt werden:

  • „Bronchialkrampflöser“: Clenbuterol
  • „Schleimlöser“: Acetylcystein, Dembrexin
  • „Entzündungshemmer“: Prednisolon, Dexamethason

Entzündungshemmer nehmen grundsätzlich einen hohen Stellenwert in der Therapie ein, eine „Kortisonangst“ ist bei richtiger Handhabung unbegründet. Die Nebenwirkungen sind bei der inhalativen Gabe deutlich schwächer ausgeprägt, als bei der systemischen. Kortikoide sind dem körpereigenen Kortison sehr ähnlich und besitzen eine hohe entzündungshemmende und antiallergische Wirkung.

Bei starken Beschwerden wird die Therapie einer Atemwegserkrankung oft systemisch eingeleitet und anschließend auf die Inhalation umgestellt.

Inhalationssysteme

Um einen gleichbleibenden Therapieerfolg zu erzielen sind besondere Anforderungen an die Teilchengröße des Wirkstoffs, das Inhalationssystems, und an das Pferd zu stellen.

Grundsätzlich stehen 3 verschiedene Systeme für die Inhalationstherapie zur Verfügung:

  • Inhalation mit Verneblern
  • Inhalation mit Dosieraerosolen („pressurized metered dose inhaler“, MDI)
  • Inhalation mit Pulverinhalatoren („dry powder inhaler“, DPI)

Letztere werden bei Pferden selten bis gar nicht eingesetzt. Daher wird im Folgenden nur auf die Inhalation mit Verneblern und Dosieraerosolen näher eingegangen.

Inhalation mit Verneblern

Vernebler werden zur Feuchtinhalation bzw. Befeuchtung der Atemwege eingesetzt. Dafür wird physiologische (0,9%ig), oder max. 6%ige Salzlösung eingesetzt. Je höher der Salzanteil ist, desto stärker ist der schleimlösende Effekt. Der besondere Vorteil der Vernebler ist die freie Mischbarkeit verschiedener Arzneistoffe, welche in Absprache mit dem Tierarzt zusätzlich vernebelt werden können.

Es gibt drei verschiedene Typen von Verneblern:

  • Düsenvernebler
  • Ultraschallvernebler
  • Membranvernebler

Bei einem Düsenvernebler wird mit einem Kompressor Druckluft erzeugt. Durch den erzeugten, starken Luftstrom wird die Flüssigkeit zu feinen Tröpfchen zerstäubt, das Aerosol entsteht. Sie sind robust, und haben bei guter Tröpfchengröße eine Hohe Ausbringungsmenge bei kurzen Inhalationszeiten. Durch den Kompressor sind solche aber relativ laut und daher im Pferdebereich eher ungeeignet und wenig eingesetzt.

Bei einem Ultraschallvernebler wird das Aerosol durch mechanische Schwingungen eines Quarzkristalls erzeugt. (z.B. Air-One®). Ultraschallvernebler sind leise, und bilden eine besonders kleine Tröpfchengröße bei geringer Ausbringungsmenge, was in einer längeren Inhalationszeit resultiert. Ultraschall-Vernebler sind nicht für alle Arzneistoffe geeignet.
Bei einem Membranverneblern wird der „Piezoeffekt“ genutzt, dabei überträgt ein elektronisch angeregten Piezorings Hochfrequenzschwingungen auf eine dünne Membran aus Edelmetall. (z.B. Flexineb®). Membranvernebler vereinen die Vorteile von Düsen-und Ultraschallverneblern. Durch die geringeren Frequenzen könne auch instabilere Arzneistoffe eingesetzt werden.

Auskunft darüber, welche Arzneistoffe mit dem jeweiligen Gerät vernebelt werden können, erteilen die Geräte – Hersteller.

Für die Inhalation mittels einem Vernebler, wird dem Pferd für gewöhnlich eine Atemmaske, welche den Pferdekopf dicht umschließt, aufgesetzt. Zu Beginn sollte das Pferd vorsichtig daran gewöhnt werden, einige Pferde werden durch den Gegendruck beim Einatmen zunächst unruhig. Nach der Gewöhnungsphase ist die Inhalation meist problemlos möglich. Empfehlenswert sind Geräte mit Akku, um unnötige Kabel im Stall zu vermeiden. Auf Grund des feuchten Milieus innerhalb der Maske, ist gründliche Reinigung und Desinfektion erforderlich um Kontaminationen der Vernebler zu vermeiden. Die Anschaffungskosten für einen Vernebler mit Atemmaske liegen bei ca. 900 €. Sehr vorteilhaft dabei ist, dass mit einem entsprechenden Aufsatz auch Dosieraerosole appliziert werden können.

Inhalation mit Dosieraerosolen

Bei einem Dosieraerosol wird der Arzneistoff mit Hilfe eines sogenannten gasförmigen „Treibmittel“ freigesetzt. Das Auslösen des Sprühstoßes erfolgt per Hand durch den Pferdebesitzer. Für die Applikation am Pferd werden Inhalationshilfen, sogenannte „Spacer“ benötigt. Ein Spacer ist eine Art Kammer, in die das Dosierspray eingebracht wird. Durch aktives Einatmen nimmt das Pferd das Dosieraerosol aus der Kammer auf. Diese sind entweder in Form eines Aufsatzes für die Atemmasken der Vernebler erhältlich (z.B. SaHoMa®-II), oder werden auf einer Nüster aufgesetzt (z.B. EquineHaler®).

Die Handhabung ist je nach Inhalationshilfe recht einfach, erfordert aber ebenfalls Gewöhnung des Pferdes. Die Anschaffungskosten für den EquineHaler® sind mit ca. 150 € deutlich günstiger, als mit einer kompletten Atemmaske mit Vernebler. Dafür kann dieser ausschließlich für Dosieraerosole verwendet werden.

Alternative Verfahren

Zu den alternativen Inhalationsverfahren zählt die Salzinhalation. Dabei wird unter kontrollierten Umgebungsbedingungen das natürliche Mikroklima stark salzhaltiger Luft, wie z.B. am Meer erzeugt. Dafür wird entweder eine starke Salzsole vernebelt oder festes Salz zu sehr feinen Partikeln zermahlen, und die Luft mit feinsten Salzkristallen < 5 µm angereichert. Dies geschieht in Form einer Rauminhalation, d.h. ein ganzer Raum wie z.B. die Pferdebox oder ein Pferdanhänger werden mit salzhaltiger Luft angereichert. Die feinen Salzpartikel haben reinigende und revitalisierende Effekte auf die Haut und Schleimhäute und helfen dabei, den Schleim zu verflüssigen und somit Entzündungsvorgänge in den Atemwegen zu reduzieren. Salzinhalationskuren werden traditionell zur Unterstützung und vorbeugend bei Atemwegserkrankungen, Hauterkrankungen, Allergischen Beschwerden, schwachem Immunsystem und zur Stoffwechselanregung eingesetzt.

Für das Pferd ist die Rauminhalation sehr entspannend, da keine Atemmaske verwendet wird. Die Anschaffungskosten für solche Systeme sind sehr hoch und variieren sehr stark je nach benötigtem Gerät. Hinzu kommen Kosten für den Umbau von Box oder Pferdeanhänger, sodass sich die Investitionskosten auf mehrere tausend Euro belaufen. Daher sind solche Systeme eher für den gewerblichen Bereich zu empfehlen.

Zusammenfassung

Um ein atemwegserkranktes Pferd dauerhaft erfolgreich zu behandeln, ist die Optimierung der Haltungsbedingungen und somit Reduktion der Auslöser der wichtigste Aspekt und unumgänglich. Diese ist jedoch nicht immer möglich, oder nicht ausreichend um die Lebensqualität des Pferdes zu verbessern und die Leistung zu erhalten. Durch die im Vergleich zur systemischen Therapie geringeren Nebenwirkungen, ist die Inhalationstherapie ein sehr wichtiger Baustein in der Therapie und der langfristigen Behandlung einer Atemwegserkrankung. Die Befeuchtung der Atemwege ohne Arzneistoffzusatz und das alternative Verfahren der Salzinhalation können darüber hinaus auch vorbeugend eingesetzt werden.

Dieser Gastbeitrag wurde von Juliane Teubel verfasst.

Quellen

Möglichkeiten der Inhalationstherapie zur Behandlung der chronisch obstruktiven Bronchitis des Pferdes; G. Niedermaier und H. Gehlen; Pferdeheilkunde 25 (2009) 4 (Juli/August)

Aerosole in Medizin und Veterinärmedizin; Pneumologie 2003; Georg-Thieme-Verlag Stuttgart

Mutschler Arzneimittelwirkungen: Pharmakologie – Klinische Pharmakologie – Toxikologie; Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart

http://equivetinfo.de/html/hustenerkrankungen.html

Über den Autor

Obwohl niemand in der eigenen Familie pferdeverrückt ist, wurde Juliane Teubel schon im Kindesalter mit dem „Pferdevirus“ infiziert und ist seitdem Reiterin mit Leidenschaft. Beruflich ist Juliane seit 2011 Apothekerin und promoviert neben Ihrer Tätigkeit in der Apotheke im Bereich pharmazeutische Analytik an der Freien Universität in Berlin. Auch wenn in der Apotheke vorrangig die Gesundheit des Menschen im Vordergrund steht, beschäftigt sich Juliane seither in Ihrer Freizeit mit gesundheitlichen Themenstellungen rund um das Pferd und bildet sich regelmäßig fort. Die Prüfung zum Sachkundenachweis Pferdehaltung hat sie im Jahr 2014 abgelegt.

Die chronische Atemwegserkrankung des eigenen „Familienpferdes“ Lapi führte zur Gründung von „EquiSalt – die mobile Salzkammer für ihr Pferd“.

Alle Informationen zu EquiSalt findet ihr auch noch einmal auf der Webseite:
https://www.equisalt.de

Ich konnte Juliane für ein Interview begeistern, das Ergebnis könnt ihr hier nachlesen:
Juliane Teubel von EquiSalt im Interview