Irgendwas mit Meinung ·Reiterleben

Gewalt in der Pferdeerziehung

Gewalt in der Pferdeerziehung

Nachdem ich kürzlich einen Beitrag in einer Gruppe bei Facebook gelesen habe, muss ich hier einfach mal etwas dazu schreiben.

Es ging um ein Mädchen, dass von ihrem Ponyhengst gebissen wurde. Hat er wohl noch nie gemacht, nur an diesen Tag bei dieser Übung. Sie wollte nichts falsch machen, hat also einfach die Übung noch einmal wiederholt und das Pony dann in den Feierabend geschickt, damit sie für sich und für ihr Pony einen positiven Abschluss hatte und das Pony nicht lernt, dass das Beißen mit dem Feierabend gleichgesetzt wird.

Kann man so machen, kann man drüber streiten. Finde ich persönlich keine so schlechte Reaktion, wenn man gerade im Überraschungs- beziehungsweise Schockmoment gefangen ist.

Natürlich ist sie jetzt etwas verängstigt und macht sich Sorgen, dass weitere Überfälle dieser Art folgen. Auch diese Unsicherheit kann ich erst Mal vollkommen nachvollziehen.

Geschockt haben mich jedoch die Kommentare darunter. Von „Gleich kastrieren, das sind die Hormone!“, „Der tanzt dir doch auf der Nase herum!“ zu „Sowas geht bei mir gar nicht, da kriegt er gleich eins drüber!“ bis hin zu „Der braucht mal eine ordentliche Ansage!“ ist alles dabei. Rangordnung, Gehorsam, Unterwürfigkeit, Alphatier. Die ordentliche Tracht Prügel verpackt in netten Worten, wie „Ansage“. Der heftige Schlag mit der flachen Hand freundlich ausgedrückt als „Klaps auf die Nase“ und der Knall mit der Gerte vor die Brust das typische „Schick ihn zurück!“.

Und mir dreht sich schon langsam der Magen um.

Ganz wenige haben mir dann doch etwas Hoffnung gegeben und einmal genauer gefragt, was das Mädchen denn meint, warum er so gehandelt hat. War er vielleicht überfordert? Oder gar unterfordert? Hat er Schmerzen? Hat er in diesem Moment wirklich einfach nur etwas spielerischen Unmut an den Tag gelegt? Ist er sonst auch so? War er denn jemals bösartig? Ist er allgemein sehr hengstig in seinem Verhalten?

Und genau da würde ich gerne einsteigen wollen.

Die Frage nach dem Warum

Gerät man jemals in so eine Situation, ist die Frage nach dem Warum unabdinglich, denn schließlich möchte man ja situationsgerecht darauf antworten. Natürlich haben nicht alle Pferde immer gleich Schmerzen. Ein unerwünschtes Verhalten kann ja auch viele andere Gründe haben.

Ein Grund kann zum Beispiel sein, dass ich die Anzeichen, die mein Pferd vorher gegeben hat, einfach nicht gesehen habe. Denn mal ganz ehrlich: Wer sieht sofort an den kleinsten Anzeichen seines Pferdes, dass es gerade über- oder unterfordert ist? Und ganz aufrichtig: Ich sehe es auch nicht immer. Auch ich muss bei jedem Pferd einen neuen Lernprozess durchlaufen, um wirklich zu erkennen, wie es sich gerade fühlt.

Was auch immer es sein mag, wir müssen uns nach dem Warum fragen und dürfen nicht jedes Fehlverhalten sofort als Boshaftigkeit, hormonelle Eskalation oder Erziehungsmangel betrachten.

Gewalt gegen das Pferd ist salonfähig geworden

Doch die Meute bei Facebook ist aufgebracht, in der Zeit von Pferdeprofis und Co. ist man sensibler geworden und hat das Gefühl, dass alle Pferde nur noch Problempferde sind.

Früher, vor zwanzig Jahren, hat man dem ungehorsamen Gaul vielleicht tatsächlich einfach „eine übergezogen und dann war Ruhe im Karton“. Da war das Pferd teilweise auch noch ein Arbeitsgerät, von dem der Umsatz abhing. Solches Verhalten war geschäftsschädigend und konnte nicht geduldet werden. Sicherlich gab es dort auch schon Reitmeister, die es besser machten, doch – seien wir mal ehrlich – sah so nicht unbedingt der normale Alltag eines Pferdes aus.

Aber nur, weil die Pferdewelt heute ein Stückchen besser ist, heißt es noch lange nicht, dass wir am Ziel angekommen sind. Ein interessanter Aspekt des heutigen Trainingstrends ist die neue Bezeichnung für Gewalt. Wusste man damals wenigstens, was man dem Pferd antat und betitelte es nicht auch noch beschönigend, so schmückt man es heute einfach etwas aus. Macht Gewalt salonfähiger. Heute sind wir „freundlich aber konsequent“, betiteln und als „Führer“, „werden dem Pferd gegenüber deutlich“ oder „machen ihm eine Ansage“.

Fragt man dann aber mal gezielt nach, was damit gemeint ist, wie diese Ansage denn aussieht oder wie ich denn jetzt ohne konkrete Gewalt mein Pferd zurechtweisen soll, kommen die meisten in Erklärungsnot oder greifen doch wieder auf Altbekanntes zurück.

Der wütende Mob auf Facebook

Ich bin ein großer Fan von sozialen Medien und ich liebe Facebook. Dort bekommt man ein Gefühl für den Geist der Zeit, stößt auf unheimlich viele tolle Ideen und kann sich natürlich auch gerne mal einen guten Ratschlag holen. Auch ich mache das ab und an! Wir sind alle nicht allwissend und sollten jede Quelle nutzen, die uns näher an unser Ziel verhelfen kann.

Doch wir müssen unbedingt die Augen auf machen, bei den Ratschlägen, die wir bekommen und diese vorher immer hinterfragen, ehe wir sie blind anwenden!

Der Weg zur Selbsterkenntnis

Natürlich ist die Erziehung eines Pferdes nicht immer einfach. Auch ich stoße oft an meine Grenzen und weiß nicht weiter. Was ich mir schon alles den Kopf dadrüber zerbrochen habe, wie ich mein Pferd zum gewünschten Verhalten bewegen kann, wie ich ihm die Übung überhaupt begreiflich machen kann und dabei fair und gewaltfrei bleibe. Und wenn ich an verschiedene Momente zurück denke, dann habe auch ich dabei natürlich nicht immer tadellos gehandelt.

Auch ich habe habe früher bei gröberem Fehlverhalten schon überreagiert und „dem Gaul einfach mal gezeigt, wo es lang geht“. Ich hab ihm auch mit der Gerte „endlich mal ordentlich eine auf dem Arsch gehauen“, damit er vorwärts geht und mich nicht „weiter verarscht“. Ich habe es als Kind und Jugendlicher gar nicht anders gelernt! Es wurde von mir verlangt so zu handeln. Und wenn wir Menschen verzweifelt sind und nicht weiter kommen, emotional werden oder richtig verärgert sind, reagieren wir auch schnell über und werden unfair unserem Gegenüber.

Und trotzdem ist es keine Entschuldigung für unser Fehlverhalten. Auch nicht für meins.

Es geht in diesem Beitrag jedoch nicht darum, sich für früheres Fehlverhalten schuldig zu fühlen, sondern aus diesem zu lernen und es in der Zukunft besser zu machen. Wir sind alle menschlich und machen Fehler, doch wir müssen auch aus ihnen lernen.

Sucht man sich Rat auf einer Plattform, so sollte man jeden gegebenen Lösungsansatz kritisch betrachten. Nur weil bestimmte Wege funktionieren, sind sie noch lange nicht gut. Auch Ratschläge, die von älteren Leuten gegeben werden, sind nicht automatisch gut. Selbst Ratschläge, die von angesehenen Trainern gegeben werden, sind nicht immer gut. Man sollte sich vor der Umsetzung immer folgende Fragen stellen:

  • Kann ich diese Lösung ohne schlechtes Gewissen bei meinem Pferd anwenden?
  • Bin ich überhaupt in der Lage dazu, diese Methode anzuwenden?
  • Was sind die möglichen Konsequenzen dieser Lösung?
  • Ist diese Lösung für uns beide gut oder nur für mich?
  • Was für ein Verhältnis zu meinem Pferd strebe ich an und passt diese Methode dazu?

Aber auch als Geber von Ratschlägen sollte man sich immer ein paar Fragen stellen, ehe man sozusagen seinen Senf dazu gibt:

  • Spreche ich aus Erfahrung oder kenne ich diesen Lösungsansatz vielleicht nur aus der Theorie oder vom Hörensagen?
  • Kann ich meinen Ratschlag mit meinem Gewissen vereinbaren?
  • Würde ich auch so handeln?
  • Würde ich mein Pferd auch so behandeln?
  • Würde ich auch so behandelt werden wollen? (Das bezieht sich nicht nur auf den Fragenden, sondern auch auf das Pferd!)
  • Ist das, was ich schreibe nett und nötig?

Der Glaube an das Gute

Die gute Nachricht ist: Ich glaube, wir bekommen das hin! Wenn man die letzten zwanzig Jahre Pferdehaltung in Deutschland betrachtet, kann man wirklich behaupten, dass schon viel Gutes in der Reiterwelt passiert ist. Ein Wandel geschieht immer langsam, wir müssen also Geduld haben, mit gutem Beispiel voran gehen und den Mund auf machen.

Seid mutig, seid fair und bleibt kritisch, aber bleibt immer freundlich dabei, denn nur so wird man euch zuhören.

Denkt immer daran, auch ihr habt Fehler gemacht und auch ihr macht sie heute noch! Niemand von uns wird die absolute Perfektion erreichen. Doch wir können besser werden, wenn wir ins Gespräch kommen und auf einander eingehen. Kommunikation ist alles – nicht nur zwischen Pferd und Mensch!

Weiterführendes

Ein Thema, viele Ansätze, viele Meinungen!
Hier findet ihr Beiträge von anderen Bloggern zum Thema:

Pferdeflüsterei – Ich bin wütend! Richtig wütend!