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Der dunkelste Tag

 

Der dunkelste Tag

Jeder denkt ab und an über den Tod seines Pferdes nach, aber eher nach dem Motto: Ja, wenn er irgendwann zwischen 30 und 40 Jahren alt ist, schon überall weiße Stichelhaare hat, die Zähne langsam im Maul fehlen.. dann irgendwann setze ich mich auch intensiv mit dem Tod auseinander. Dann möchte ich vielleicht auch einen Platz auf dem Tierfriedhof haben oder das Pferd vielleicht einäschern lassen.

Vorher denkt man gar nicht so bewusst an den Tod seines Pferdes. Dabei liest man oft tagtäglich von anderen just gestorbenen Tieren, sei es im Bekanntenkreis, in grausigen Tierschutzvideos oder auch im Sportbereich. Doch es kommt einem alles sehr weit weg vor. Natürlich nimmt einen das alles auch mit, aber so richtig berührt es einen dann doch nicht.

Mir passiert es ja nicht, meinem Pferd geht es gut.

Ich habe mir mein Pferd im Januar 2017 gekauft. Mit dem Wissen, dass er Magenprobleme hat und höchstwahrscheinlich auch Magengeschwüre. Ich hätte aber niemals in meinem Leben erwartet, dass er nach nur 5 Monaten stirbt.

Niemals.

Tag X

Ich habe mein Pferd nicht sterben sehen, ich war auch gar nicht dabei. Ich bin mit ihm um rund 1.00 Uhr nachts in der Klinik angekommen und habe die Klinik um ca. 3.00 Uhr morgens mit einem guten Gewissen verlassen. Jetzt wird alles wieder besser und es geht endlich weiter bergauf. Ich bin nach Hause gefahren, weil ich todmüde und erschöpft war, aber guter Dinge, dass es ihm dort besser geht, dass er stabil ist und ich am nächsten Tag gleich um 9.00 Uhr morgens für alle weiteren Folgebehandlungen und -untersuchungen auf der Matte stehe.

Hätte ich gewusst, dass ich in diesem Moment mein Pferd zum letzten Mal sehen würde, wäre ich niemals gegangen.

Um 7.00 Uhr morgens bekam ich den Anruf: Sjoerd ist eingeschlafen.

Ich habe mein Pferd zum Sterben in der Klinik abgegeben.

Die Tage danach

Der erste Tag war die Hölle. Eigentlich waren die ersten drei Tage die Hölle. Und es ist noch immer die Hölle, aber die ersten drei Tage waren bisher die schlimmsten.

Im Endeffekt kommt es mir immer noch vollkommen unwirklich vor. Ich bin an dem Abend völlig übermüdet ins Bett, habe unruhig geschlafen und morgens im Halbschlaf das Telefonat angenommen. Ich hab auch die ersten paar Sekunden nicht geweint. Ich weiß nicht, ob ich in dem Moment unter Schock stand. Geweint habe ich erst nach dem Telefonat.

Die ersten drei Tage habe ich damit verbracht im Bett zu weinen, im Bett zu schlafen oder das Gleiche auf der Couch zu tun. Ich wollte keinen hören, keinen sehen und auf gar keinen Fall mit irgendjemandem sprechen. Ich war froh und dankbar, dass mein Freund für mich da war, ansonsten wollte ich niemanden sehen und hören.

Ich hatte die Stimmen und Vorwürfe der Anderen im Kopf: Warum hast du dir überhaupt so ein Pferd gekauft! Wir waren von Anfang an dagegen! Warum kaufst du dir auch für viel zu viel Geld ein todkrankes Pferd! Ich hab es dir ja gleich gesagt!

Und ich wollte sie nicht hören. Ich wollte sie alle nicht hören, wie sie sich in meinen Gedanken über mich stellen und mir Vorwürfe machen. Wie sie es wieder besser gewusst hatten und es mir ja gleich gesagt hatten. Ich war nicht nur traurig, ich war auch so wütend, weil meine Gedanken mich nicht in Ruhe ließen und mich wie Dämonen regelrecht jagdten.

Dann, nach drei Tagen, hatte ich das Gefühl, dass ich einfach in den Stall fahren müsste und alles wäre wieder in Ordnung. Er wird dort wie immer auf dem Paddock stehen, fressen und auf mich warten. Als ob ich im Urlaub gewesen wäre und endlich wieder nach Hause käme.

Schließlich war es ja früher auch so. Ich bin einfach in den Stall gefahren, wenn es mir nicht gut ging. Mein Pferd und die Arbeit mit ihm waren immer das, was mich wieder aufgebaut haben.

Wohin geht man jetzt, wenn einem der letzte Zufluchtsort genommen wurde?

Also bin ich nach drei Tagen mit einer sehr guten Freundin abends in den Stall gefahren.

Ich wusste, dass er dort nicht sein wird, aber trotzdem hatte ich Hoffnung und war aufgeregt. Ich bin auch, nicht vollkommen überraschend, wieder in Tränen ausgebrochen, als er da nicht war.

In diesem Moment trat zum ersten Mal eine unglaubliche Taubheit auf, die mich seither verfolgt. Ich bin in einen Modus, in dem ich nur noch funktioniere und nicht mehr fühle. Auf einmal ist alles um mich herum unwichtig und sinnlos geworden.

Die Gewissensbisse

Man hat sie. Definitiv. Ganz egal ob man alles getan hat. Man hat sie trotzdem.

Man macht sich immer und immer wieder Vorwürfe und abermillionen Was-Wäre-Wenn-Szenarien schießen Tag und Nacht durch deinen Kopf und überlegen, was hätte man anders machen können, was hätte man besser machen können, warum hat man es nicht früher erkannt. Hätte, wäre, könnte…

Jeden Tag habe ich ihn vor mir. Sein Gesicht, sein Blick, sein Zustand. Alles hat sich in meinen Kopf gebrannt.

Das Gewissen ist immer da und es macht dir jeden Tag neue Vorwürfe. Auch wenn du dir keine machen dürftest, weil du eigentlich alles richtig gemacht hast. Tierärzte und Freunde bestätigen das. Trotzdem. Sie sind da.

Und sie fressen dich auf.

Noch mehr Tage danach

Ich habe auch heute noch das Gefühl, dass ich einfach nur wieder in den Stall fahren muss und alles ist gut. Und ich weiß nicht wann und ob dieses Gefühl jemals verschwindet.

Dieser Gedanke, dass er wirklich nicht mehr da ist, dieses 100%ige Bewusstsein, habe ich immer noch nicht. Ich weiß nicht, wann es eintreten wird, denn es kommt nur schubweise durch. Selbst Monate später sitze ich ab und an Zuhause oder im Auto und fange plötzlich an zu weinen, weil mir die Situation immer wieder kurz bewusst wird.

Es sind immer wieder kleine Momente, in denen ich wirklich realisiere und auch wirklich das Gefühl habe, dass er nicht mehr da ist.

Ich weiß nicht, wie lange diese Phase noch gehen soll, ich habe das Gefühl, es hört nie auf. Manchmal habe ich auch das Gefühl, dass es schon Monate her ist, manchmal als ob es erst gestern passiert wäre. Ich habe überhaupt kein Zeitgefühl mehr und irgendwie fließt alles nur noch dahin. Die Tage gehen vorbei, sie sind einfach da, gehen weg und irgendwie ist sie immer noch da, diese Taubheit.

Es gibt auch wenige Momente, da möchte ich wieder die ganze Welt verändern und alles reißen. Da möchte ich hier weiter schreiben, da möchte ich mir ein neues Pferd suchen, da möchte ich die ganze Welt am liebsten verändern. Im nächsten Augenblick bin ich allerdings wieder komplett antriebslos und breche alles ab, was ich gerade begonnen habe.

Mein Kopf und meine Gedanken sind vollkommen durch den Wind.

Weitermachen

Bevor Sjoerd gegangen ist, habe ich mein ganzes Leben nur um ihn herum geplant. Ich war fast täglich im Stall, alle meine Gedanken waren immer nur bei ihm, seiner Gesundheit und allen Themen um ihn herum. Das, was ich tue, mit dieser Seite, mit meinem Pferd, das ist meine Leidenschaft, mein ganzes Leben.

Das Weitermachen, das Schreiben, Informieren und Lesen hält mich am Thema. Es gibt mir vor allem ein Stück Normalität zurück, die mir fehlt. Ich will das nicht aufgeben. Ansonsten hätte ich das Gefühl, wirklich alles verloren zu haben.

Die Zukunft

Manchmal glaube ich, dass die Schlimmste Zeit noch vor mir liegt. Dann, wenn das Bewusstsein vollkommen da ist und die zwei Wochen Urlaub im Kopf um sind und ich trotzdem nicht nach Hause komme. Wenn die Zeit der Trennung unerträglich lang wird.

Und im Irgendwann mag auch alles wieder besser sein, im Irgendwann hab ich vielleicht auch ein neues Pferd und im Irgendwann bin ich vielleicht auch wieder glücklicher.

Doch jetzt bin ich hier.