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Blutegeltherapie

Blutegeltherapie

Therapie mit Biss – Der Blutegel in der Tiermedizin

Die Blutegeltherapie wird schon seit weit über 3000 Jahren erfolgreich in der Humanmedizin eingesetzt und klinische Studien belegen immer wieder die Wirksamkeit der medizinischen Blutegel, mit zum Teil spektakulären Erfolgen, bei Entzündungen und allgemeinen Schmerzzuständen. Diese Therapie auch bei unseren Tieren einzusetzen, liegt da natürlich nahe.

Geschichte und Hintergrund der Blutegeltherapie

Die ersten Belege für eine medizinische Anwendung der Blutegeltherapie lassen sich bereits 1500 v. Chr. mit Zeichnungen aus den ägyptischen Pharaonengräbern belegen. Aus dem Jahr 1300 v. Chr. finden sich Anleitungen in den sogenannten Sanskrit Schriften in Indien. Außerdem fand man Bilder auf denen Dhavantari, der mythische Arzt der traditionellen indischen Medizin, mit einem Nektargefäß in der einen und einem Blutegel in der anderen Hand abgebildet war.

In den Jahren 1800-1850 gab es eine exzessive Anwendung von Blutegeln in Europa und den USA. Später wurde diese Zeitspanne als „Vampirismus“ bezeichnet. Es wurden teilweise bis zu 80 Blutegel in einer Sitzung gesetzt und zusätzlich noch ein Aderlass durchgeführt, da man für alle Erkrankungen ein Ungleichgewicht der Körpersäfte verantwortlich machte. Starb der Patient dennoch, ging man davon aus, dass nicht genug Blut abgelassen worden war.

Exporte von Blutegeln aus Europa nach den USA wurden wegen drohender Ausrottung der Tiere reduziert (das Ausfuhrvolumen der Blutegel von Deutschland nach USA betrug ca. 30 Millionen).

Haycraft entdeckte 1884 die gerinnungshemmende Wirkung des Blutegelspeichels. Die Wirksubstanz wurde 1904 chemisch identifiziert und als Hirudin in Anlehnung an die Spezies-Bezeichnung des Blutegels (Hirudo) bezeichnet. 1955 gab es eine Isolierung und Produktion von Hirudin aus dem Blutegelspeichel zur medizinischen Verwendung als Gerinnungshemmer (Markwardt). 1986 wurde eine Zulassung des gentechnologisch hergestellten Hirudin (REFLUDAN ®) als Antikoagulans (Blutgerinungshemmer) erreicht.

Im Jahr 2005 wurden die Blutegel in Deutschland als Fertigarzneimittel eingestuft und sind, wie alle diese Arzneimittel, zulassungspflichtig. Im Zulassungsverfahren müssen Arzneimittel die Sicherheit, die Wirksamkeit und die Qualität nachweisen.

Wirkungsweise des Blutegels

Zuerst einmal… die Egel saugen keine Entzündung aus dem Körper und ein Hämatom (Bluterguss) bekommen sie leider auch nicht leer gesaugt. Das Wichtige in der Blutegeltherapie sind die Wirkstoffe, die sie mit ihrem Speichel an den Körper abgeben.

In ihrem Speichel befinden sich viele (mindestens über 30, laut manchen Veröffentlichungen auch über 200) verschiedene wirksame Substanzen, deren genaue Bestandteile und Wechselwirkungen untereinander leider immer noch nicht abschließend erforscht sind. In der alternativen Heilkunde wird der Blutegel auch gerne als eine Art biologische Apotheke betrachtet.

Die wichtigsten (und erforschten) Wirkstoffe sind:

  • Hirudin > blutgerinnungshemmend (schnell aber nur kurz wirksam)
  • Calin > blutgerinnungshemmend (lang wirksam)
  • Hyaluronidase > kann eine antibiotische Wirkung haben
  • Egline > kann entzündungshemmend wirken
  • Bdellin > kann entzündungshemmend wirken
  • Orgelase > kann den Lymphstrom beschleunigen

Dabei geben die Egel ihre Wirkstoffe an die Stelle ab, an der sie dringend benötigt werden. Da die Egel direkt im erkrankten Bereich angesetzt werden, suchen sie sich über ihre Thermorezeptoren (Wahrnehmung von Wärme) die Stelle mit der größten Entzündung (dort kann man die größte Körperwärme wahrnehmen).

Ziel der Blutegeltherapie

Durch einen kleinen Aderlass kann es zu einer schnellen Entlastung kommen. Dies wäre zum Beispiel wichtig bei Hufrehe, Hämatomen oder chronischen Phlegmonen.

Es kann durch die Blutegel eine Förderung des venösen Abflusses unterstützt werden. Dieses könnte zu einer anhaltenden Entlastung bei zum Beispiel Schleimbeutelentzündungen oder Thrombosen führen.

Eine Förderung des arteriellen Zustroms führt zu einer verbesserten Ernährung des Gewebes. Das ist von Vorteil bei Arthrosen, Hufknorpelverknöcherungen und Narben.

Eine Förderung des Lymphstromes sorgt für eine Verbesserte Entschlackung und Entgiftung. Das könnte die Heilung von chronischen Phlegmonen, Gallen, Ekzemen und degenerativen Prozessen unterstützen.

Eine antiphlogistische (entzündungshemmende) Wirkung kann die Heilung beschleunigen und ist wirksam bei Sehnen- und Bändererkrankungen, Hufrehe, Huflederhaut- und Hufrollenentzündung, Ekzemen und Wundheilungsstörungen.

Eine antibiotische Wirkung kann dem Immunsystem helfen und Beseitigung von Bakterien bei Ekzemen, Phlegmonen und Hornfäule unterstützen.

Eine schmerzlindernde Wirkung bedeutet für den Patienten eine Soforthilfe und kann für eine bessere Beweglichkeit und Entspannung sorgen. Die Wirkung kann über Wochen bis Monate anhalten.

Ablauf der Blutegeltherapie

Die Behandlung des Tieres dauert in der Regel 60 – 90 Minuten. Bei sehr kaltem Wetter auch schon mal bis zu 4 Stunden. Abhängig von der jeweiligen Indikation, ist häufig eine Behandlung ausreichend.

Zu Behandlungsbeginn wird der Blutegel an der vorgegebenen Hautstelle angesetzt. Am effektivsten ist es dabei, die Egel selber die geeignete Stelle suchen zu lassen. Über ihre Rezeptoren, die Wärme erspüren können, finden sie selber die geeignetste Stelle für den Blutegelbiss.

Um das Ansetzen zu erleichtern, kann das Areal rasiert oder mit warmen Wasser angefeuchtet werden. Dort sägt er sich vorsichtig mit seinen Kalkzähnchen in die Haut. Dieser Vorgang ist weitestgehend schmerzfrei (es kann vorkommen, dass ein kurzes Zwicken oder Kribbeln verspürt wird), da der Egel dabei schmerzlindernde Stoffe abgibt.

Falls der Egel einmal nicht beißen will, könnte das verschiedene Ursachen haben:

Es könnte an der Witterung liegen (Gewitter, zu kalt / heiß, zu windig etc.). Falls Medikamente oder Kräuter eingenommen worden sind, kann der Geruch oder Geschmack dem Egel unangenehm sein. Dasselbe kann bei Salben oder anderen Mitteln, die auf der Haut aufgetragen wurden, vorkommen. Eine weitere Möglichkeit wäre, dass es dem Egel nicht gut geht.

Hunger haben sie übrigens immer. Denn medizinische Egel werden 32 Wochen ohne Nahrung und medizinisch kontrolliert in Quarantäne gehalten, bevor sie an den Endkunden ausgeliefert werden.

Im weiteren Verlauf leitet der Blutegel beim Saugen die Wirkstoffe in das Gewebe ein und fällt anschließend von alleine ab. Die kleine Bisswunde wird durch den Wirkstoff Calin 4 – 12 (im Einzelfall auch bis zu 24) Stunden offen gehalten und blutet nach, was auch gewünscht ist und mit zur Therapie (sehr wichtig bei Hufrehe) gehört. In der Regel wird die Wunde deshalb nicht verbunden. Durch die Nachblutung hält diese sich selber sauber und die anschließende Krustenbildung sorgt dafür, dass auch danach keine Erreger mehr eindringen können.

Bitte nach einer Egelbehandlung die Bissstelle solange in Ruhe lassen, bis die Krusten von alleine abgefallen sind. Sonst könnte sich die Wunde öffnen und es können Krankheitserreger eindringen, die dann für eine Sekundärinfektion sorgen.

Der heilende Effekt tritt in unterschiedlichen Zeitabständen, oft sogar direkt nach der Behandlung, ein und hält auch bei chronischen Erkrankungen häufig monatelang an. Die Tiere akzeptieren in der Regel den Blutegelbiss ohne Abwehrreaktion und tolerieren die Behandlung meist geduldig (oft dösen sie sogar dabei ein).

Falls die Egelbehandlung einmal länger dauert, weil ein oder mehrere Egel nicht loslassen wollen, sollte man auf keinen Fall Salz oder Ähnliches drauf streuen!

Der Egel wird dann zwar unverzüglich loslassen, aber unter Stress geraten und sich dabei möglicherweise samt Darminhalt in die Wunde übergeben und dadurch wahrscheinlich eine Sekundärinfektion erzeugen.

Erfahrene Blutegeltherapeuten haben verschiedene Kniffe und Tricks, um eine Behandlung schnell, sicher und erfolgreich durchzuführen. Meistens sind diese auch bereit ihren Erfahrungsschatz mit den Tierbesitzern zu teilen.

Dieser Gastbeitrag wurde von Stephanie Reineke verfasst.

Über den Author

Stephanie Reineke ist zertifizierte Physiotherapeutin, Osteopathin und TCMAkupunkteurin für Pferde und Hunde. Außerdem hat sie sich in Blutegeltherapie, Kinesiotaping und TCM Phytotherapie über Postgraduiertenkurse weitergebildet und bietet auch diese Therapien für ihre vierbeinigen Patienten an.

Durch regelmäßige Fortbildungen hält sie sich immer auf dem neusten Wissenstand und hat ihren Praxisschwerpunkt auf die Diagnostik und Behandlung austherapierter Pferde und Hunde gelegt.

Stephanie Reineke behandelt im Raum Warburg und Umgebung, ist für größere Patientengruppen und Seminare aber auch Deutschlandweit unterwegs.

Weitere Informationen über die Autorin findet ihr unter:
www.pferdephysio-sr.de
www.hundeosteo-sr.de

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