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Allein und sicher ins Gelände

Allein und sicher ins Gelände

Der entspannte Ausritt oder Spaziergang ins Gelände, ob mit oder ohne pferdische Begleitung, ist für viele ein Hauptziel in der Pferdeausbildung. Wer möchte nicht einfach mal die Seele baumeln lassen und die Natur um sich herum genießen? Oder vielleicht auch mal durch kleine Wohngegenden schlendern? Vielleicht sogar einen flotten Sprint durch den Wald wagen?

Doch ehe das Pferd dafür bereit ist, den Weg alleine ins Gelände zu wagen, bedarf es meist einer guten Portion Vorbereitung und Vertrauensarbeit. Denn das Pferd ist schließlich ein Herden- und Fluchttier und dementsprechend zu Beginn eher nicht so begeistert von unserem Vorhaben. Die folgenden Punkte sollen euch helfen, diesen Weg so stressfrei und einfach wie möglich, gemeinsam mit eurem Pferd, zu bestreiten.

1. Schrecktraining / Gelassenheitstraining im Voraus kann Vieles erleichtern

Versuche mögliche Szenarien zuerst in einer vertrauten Umgebung mit deinem Pferd nachzustellen. Das kann eine vorbeiwehende Plastiktüte sein, eine raschelnde Plastikplane oder auch ein sich öffnender Regenschirm. Kennt dein Pferd diese Begebenheiten schon vorher, so kann es im Gelände gelassener darauf reagieren.

Aber Achtung: Natürlich kann es trotzdem sein, dass dein Pferd auf eurem Reitplatz keine Angst mehr vor der Plastikplane hat, sich im Gelände aber dennoch davor erschreckt. Die meisten Pferde, die mit solchen Problematiken vorher schon konfrontiert wurden, beruhigen aber oft schneller oder reagieren gelassener als andere. Sie haben durch das vorherige Training gelernt, dem Menschen zu vertrauen und Angstsituationen besser einschätzen, sowie bewältigen zu können.

2. Sicherheit geht vor (selbst wenn sie nur in deinem Kopf existiert)

Die Zäumung

Überlege dir vorher gut, mit welcher Ausrüstung du deine Spaziergänge bewältigen möchtest. Du kannst statt einem Halfter zum Beispiel auch ein Knotenhalfter, eine Trense oder anderes Equipment für deine ersten Versuche verwenden. Gibt dir ein Knotenhalfter mehr Sicherheit, weil du das Gefühl hast, dadurch mehr Kontrolle zu haben, dann verwende es ruhig zu Beginn. Umso sicherer du dich fühlst, umso mehr Ruhe strahlst du für dein Pferd aus und umso weniger kann schlussendlich passieren.

Es sei aber dazu gesagt: Die Auswahl des Equipments sollte selbstverständlich seine Grenzen haben! Natürlich hast du mit schärferen Utensilien immer mehr Eingriffsgewalt, du solltest dabei aber immer auch an dein Pferd denken. Es bringt dir also nichts, wenn du die schärfste Kandarre einschallst und bei jeder kleinen Regung sofort energisch daran zerrst. Damit tust du deinem Pferd nur unnötig weh und das Vertrauen in dich schwindet leider auch. Weiterhin kann auch die schärfste Zäumung ein Pferd, das wirklich in blinder Panik ist, nicht halten. Das sollte dir immer bewusst sein. Achte also auf einen guten Mittelweg, der dir Sicherheit gibt, dem Pferd aber auch nicht unnötig Schmerzen bereitet.

Ehe du dich nun fest für einen Ausrüstungsgegenstand entschieden hast, schau zu guter Letzt auch noch einmal in deine Versicherungspolice. Auch wenn das gebisslose Reiten in den Jahren salonfähig geworden ist, so verlangen einige Versicherungen immer noch, dass das Hofgelände nur mit einer Trense oder ähnlichen Zäumungen verlassen werden darf –  auch wenn das Pferd nur geführt wird! Haltet ihr euch nicht an die Auflagen, wird kein Versicherungsschutz garantiert und ihr bleibt im Schadensfall auf den Kosten sitzen.

Der Führstrick

Achte darauf, dass dein Führstrick nicht zu kurz ist. Hast du einen normalen Führstrick, kann der dir im Zweifelsfsall nicht genügend Abstand zwischen dir und deinem Pferd bieten. Schaue also, dass du einen extra langen und auch griffigen Führstrick nimmst. Ich persönlich gehe gerne mit einem Bodenarbeitsseil oder einer kurzen Longe hinaus. Sollte das Pferd unerwartet Panik bekommen und losrennen, so kann ich es etwas länger lassen und im Zirkel um mich herumführen. Meistens beruhigen sich die Pferde nach ein paar Runden und ich kann den Abstand wieder verringern. Gerade bei Pferden, die in Angstsituationen Bocksprünge machen oder nach hinten aushauen, kann das unglaublich viel zu deiner Sicherheit beitragen!

Eine zweite Sicherheitsperson

Solltest du das Glück haben, dass dir jemand helfen kann, so nimm das Angebot für die ersten paar Versuche an. Dabei geht es nicht darum, für dich eventuelle Tore zu öffnen, durch die ihr hindurch müsst oder jemanden zu haben, der bei Panik mal mit anfassen kann. Es geht allein darum, dass du etwas Abwechslung von der Aufregung hast, eine Notfallperson dabei ist, sollte dir und dem Pferd doch etwas passieren und das Pferd zwei Personen hat, an denen es sich orientieren kann. All das kann helfen, um die Sicherheit noch etwas zu stärken. 

Ich rate dir aber tunlichst davon ab, dir von dieser Person anderweitig helfen zu lassen. Musst du zum Beispiel durch das verschlossene Hoftor, so öffne und schließe dies mit deinem Pferd immer alleine! All diese Abläufe lenken dich und das Pferd von Angstmomenten ab und bringen Konzentration in die jeweilige Aufgabe. Nutze diese Chance! Zudem musst du diese Aufgaben später auch alleine bewältigen und kannst sie somit gleich von Anfang an üben.

Erst zu Fuß, dann zu Pferd

Ist dein Pferd noch nie allein im Gelände gewesen, gehe immer erst zu Fuß mit deinem Pferd raus. Klappt das einwandfrei, kannst du mir kurzen Reitreprisen beginnen und diese nach und nach steigern. 

3. Nimm dir helfende Utensilien mit

Die Gerte

Ich gehe niemals ohne Gerte aus dem Haus. Besonders, wenn Pferde noch sehr nervös sind, laufen sie dir öfter mal in den Weg, drehen den Kopf zu weit zu dir und bremsen dich in deinem Weg aus. Kommt es dann zur Schrecksituation, ist dir das Pferd viel zu nah und kann möglicherweise nicht rechtzeitig ausweichen. Durch die Gerte kannst du, mit einem Wedeln neben dem Kopf, deinem Pferd freundlich mitteilen, dass es doch bitte etwas Abstand halten möchte, ohne dass, du es dabei grob anpackst oder stetig von dir wegschieben musst. Aktionen, wie das am Kopf Wegschieben oder an der Schulter Wegdrängeln, führen häufig auch zu Gegendruck und Unmut beim Pferd, außerdem verändern sie dein normales Schrittempo, lassen dich herumeiern und deine Konzentration auf den Weg ist ebenfalls dahin.

Die Gerte hilft dir aber auch bei anderen Gegenständen. Ist es etwas gruselig oder möchtest du, dass das Pferd sich mit etwas intensiver beschäftigt, so kannst du bequem mit der Gerte darauf zeigen oder auch etwas im Gras rascheln. Somit erzeugst du von selbst kleine, kontrollierte Angstmomente, mit denen sich das Pferd in Ruhe auseinander setzen kann. Ihr könnt dies auch vorher im Stall trainieren: Zeigst du mit der Gerte auf etwas, so ist das Ziel, dass das Pferd versteht, dass es sich dieses Etwas genauer ansehen soll.

Die Entspannungsmatte

Hast du vorher intensives Entspannungstraining mit der Matte gemacht, so kannst du diese Matte auch einfach mitnehmen! Hast du dann aufregende Angstmomente, leg die Matte aus, stell dein Pferd darauf und gönn ihm eine Pause. Man glaubt kaum, wie gut Pferde konditionierte Entspannung verinnerlichen können. Bist du schon etwas länger und weiter unterwegs und willst die Matte nicht die ganze Zeit tragen, so kannst du sie deinem Pferd auch auf den Rücken legen und mit einem Deckengurt oder einem leichten Longiergurt fixieren.

4. Kleine Schritte haben eine große Wirkung

Mache zu Beginn wirklich kleinste Schritte und halte deinen erforschten Weg so kurz wie möglich. Hast du zum Beispiel einen eingezäunten Hof, so gehe am ersten Tag nur 5 Meter durch den Eingang von diesen weg und schaue, wie dein Pferd reagiert. Viele Pferde sind dann schon unglaublich nervös und ängstlich, da sie vorher noch nie auf der anderen Seite des Zaunes waren. Solltest du eine Koppel außerhalb des Hofes haben, zu der die Pferde sonst immer gemeinsam geführt werden, versuche diesen Weg doch einmal alleine zu beschreiten. Ist dieser etwas länger und dein Pferd schon zu Beginn sehr nervös, so teile dir auch diesen Weg in viele Stücke auf.

Auch wenn du dir zu Beginn vielleicht etwas albern vorkommen magst, so ist dieser Weg unglaublich wichtig für dein Pferd. Es lernt dabei, dass egal wie oft ihr auch nur für ein paar Schritte (und später mehr) vom Hof weggeht, ihr immer wieder wohlbehalten zurück kehrt. Das Pferd kann also in aller Ruhe seine Trennungsangst bewältigen und sich Stück für Stück mehr auf die Umgebung konzentrieren. Die neue Umgebung kann für ein Pferd nämlich nicht nur gruselig sein, sondern auch sehr spannend! Pferde sind von Natur aus unglaublich neugierig und leben diese Neugier auch sehr gerne aus. Haben sie erst einmal Vertrauen in uns, so können sie sich beruhigt dieser Neugier hingeben, ohne dabei immer in Alarmbereitschaft zu sein.

Du kannst diese paar Schritte täglich in deinen Stallalltag mit einbringen. Schnapp dir einfach dein Pferd und bevor ihr zum Putzplatz geht, bewältigt ihr die ersten Meter nach draußen. Ist euer Pferd sehr aufgeregt, so habt ihr die Putzzeit für euch, um wieder für Entspannung zu sorgen und nicht sofort gestresst in das Reittraining zu starten. Eine weitere Möglichkeit ist, den Gang nach draußen direkt nach eurem Training zu bewältigen. Solltet ihr sehr pfeffrige Pferde haben, kann das gut sein, um erst einmal etwas Energie aus dem Pferd zu bekommen. Andererseits kann das aber auch den Nachteil haben, dass euer Pferd nach dem Training nicht mehr so aufnahmefähig ist und euer 5 Minuten Geländetraining zur Überforderung führt.

Entscheidet hier ganz individuell für euch und euer Pferd.

5. Fördere die Neugier deines Pferdes

Bleibt dein Pferd unerwartet stehen und will sich etwas genauer ansehen, so lass dies zu. Pferde sind, wie schon erwähnt, von Natur aus sehr neugierig und wollen wissen, was um sie herum passiert. Du konfrontierst dein Pferd damit automatisch mit vielen Reizen, mit denen es dann selbst lernt ruhig und entspannt umzugehen. Zerrst du es einfach weiter, so wird es immer verunsichert sein und sein Erlebnis nicht einordnen können. 

Gibt es große Angst einflößende Gegenstände, an denen es par tue nicht vorbei möchte, versuche es zu einzelnen Schritten zu motivieren und lobe es ausgiebig dafür! Klappt es an einem Tag nicht, sei nicht wütend, sondern versuche es einfach an einem anderen Tag. Das Pferd lernt so, dass dieser Gegenstand zwar immer da ist, aber niemals angreift und eigentlich keine Gefahr bedeutet.

6. Sei in deiner Führposition flexibel

Hat dein Pferd, während du es auf der linken Seite führst, vor etwas Angst, das rechts von ihm ist, führe doch einmal mal auf der rechten Hand und stelle dich somit zwischen deinem Pferd und der Gefahr.

Das hat zwei große Vorteile: Einerseits ist es für das Pferd dann meistens gar nicht mehr so gruselig, da es sich durch deine Anwesenheit sicherer fühlt, andererseits stehst du bei einem möglichen Hopser auch weg vom Pferd, denn das Pferd wird immer versuchen der Gefahr ausweichen. 

7. Bewahre Ruhe und Verständnis

Natürlich klingt dieser Punkt leichter als getan! Doch, es gibt viele Arten von Ruhe, die du ausstrahlen kannst. Hier geht es nicht nur um dein inneres Sicherheitsgefühl, sondern auch um deine Toleranz gegenüber dem Pferd.

Gibt es Wege, die dein Pferd noch nicht entlang gehen will, nimm einen anderen und gehe den bösen Weg wieder Schritt für Schritt einen Tag mehr. Beruhigt sich dein Pferd einfach nicht mehr, drehe einfach in aller Ruhe um und gehe mit ihm langsam(!) zurück nach Hause. Möchte es an einem Gegenstand nicht vorbei, versuche dein Pferd nicht mit Gewalt daran vorbei zu drängen. Hat es sich doch einmal erschrocken, brülle es nicht gleich an oder rucke kräftig am Strick.

Dein Pferd ist weder böse noch unwillig, sondern hat schlichtweg in diesem Moment Angst! Versuche dir immer vor zu stellen, wie du reagieren würdest, hättest du davor Angst und komme deinem Pferd mit Verständnis und Einfühlungsvermögen entgegen. Dabei geht es nicht darum, das Pferd zu vermenschlichen, sondern einfach darum, es mit liebevoller Konsequenz zu fordern und zu fördern.

Halte dir immer vor Augen: Hat das Pferd Angst und du bestrafst es dafür, machst du ihm damit nur noch mehr Angst. Totale Verunsicherung und Vertrauensverlust sind die Folgen, die deinen bisherigen Erfolg komplett kaputt machen würden.

8. Suche dir einen Ausreitpartner

Sollte dein Pferd vorher generell noch nie im Gelände gewesen sein, kannst du dir zu Beginn als Verstärkung auch ein schon geländeerfahrenes Pferd-Reiter-Paar suchen, mit dem du erst einmal das neue Gelände erkundest. Mit einem zweiten Pferd fühlt sich dein Pferd natürlich immer sicherer. 

Hier musst du dich für einen Weg entscheiden, den du gehen willst: Ich habe es immer so geregelt, dass ich zu erst alleine mit meinem Pferd rausgehen können möchte, bevor ich eine Begleitperson mitnehme. Der Hintergrund dabei ist, dass ich wollte, dass mein Pferd sich an mir orientiert und zu mir Vertrauen aufbaut, statt zu dem Begleitpferd. 

Finde die für dich am besten passende Methode, denn beide haben natürlich ihre Vor- und Nachteile. 

9. Trainiere auch im Gelände die verschiedensten Szenarien

Der eben erwähnte Ausreitpartner ist aber auch für andere Übungen sehr hilfreich. Kannst du mit deinem Pferd schon eine kleine Runde alleine rausgehen, versucht euch doch einmal spontan auf diesem Weg zu begegnen. Aufgabe hierbei ist es, dass die Pferde ruhig bleiben und auch ruhig aneinander vorbei gehen können, ohne dem anderen danach nicht mehr von der Seite weichen zu wollen. 

Auch könnt ihr versuchen, zu Beginn ein Stück gemeinsam zu gehen und euch erst nach ein paar Metern zu trennen. Manchmal ist es viel einfacher gleich zu Beginn alleine hinaus zu gehen, statt sich von der geliebten Begleitung mittendrin trennen zu müssen. 

Hast du keinen, der die dabei helfen kann, so mach dir keine Sorgen: Im Endeffekt trainiert du diese Situationen sowieso irgendwann mit deinem Pferd, da sie früher oder später auf euch zukommen werden. Gehe diesen Situationen deshalb auf keinen Fall aus dem Weg, sondern nutzte jede Gelegenheit, um zu Trainieren und dich und dein Pferd sicherer zu machen.

Weiterführendes

Hier findest du alles zum Mattentraining:
Training > Bodenarbeit und ZirkuslektionenParken auf der Matte

Möchtest du noch mehr Schrecktraining / Gelassenheitstraining machen, findest du hier einige Anregungen:
Training > Bodenarbeit und Zirkuslektionen

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